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Kanadas Muskys Drucken E-Mail
Geschrieben von: Carl Allen, übersetzt von Uli Beyer   

Carl Allens MonsterAls leidenschaftlicher Hechtangler war es unvermeidlich, von den phantastischen Muskie-Geschichten Nord-Amerikas zu hören. Es waren zunächst Fotos von riesigen Muskies, die hier in England in Angelzeitschriften auftauchten. Da war die Geschichte eines Giganten, der im berühmten Lake of the Woods gefangen wurde, einem der riesigen Hechtseen Amerikas. Aus Mangel an Zeit und auch fehlendem nötigem Kleingeld hoffte ich eher nicht auf eine Gelegenheit diesen Traumfischen nachzustellen und nicht nur die tollen Geschichten darüber zu lesen.

 

Es war ein glücklicher Umstand für mich, als sich meine Lebenssituation 2005 drastisch änderte. Ein neuer Job eröffnete mir mehr Freiräume und vor allem war plötzlich auch das fehlende Kleingeld doch vorhanden. Es war klar, dass man sich jetzt den einen oder anderen Traum erfüllen musste und viele meiner Träume waren Angelträume, die jetzt mehr und mehr ausgelebt werden sollten!

Zunächst waren es Hechtträume, die ich sehr erfolgreich in England auslebte und die Muskies waren irgendwie ein wenig in Vergessenheit geraten. Das änderte sich aber wieder, als ich in einem Internet-Forum auf ein Video über die Muskie-Angelei stieß. Es zeigte einen glücklichen Angler, der gleich zwei so riesige Superfische fangen konnte! Der Traum wurde fürchterlich lebendig und ich stellte mir selbst vor, einmal einen solchen Traumfisch fangen zu können. Der Unterschied zu früher war, ich konnte jetzt wirklich eine solche Reise antreten! „Man lebt nur einmal!“ dachte ich mir und innerhalb kürzester Zeit entschloss ich mich, gen Muskies zu verreisen. Plötzlich hatte ich es sehr eilig – „Je früher, desto besser!“

Stunden und Tage verbrachte ich im Internet und beschäftigte mich mit hunderten von Websites und anderen Muskie-Infoquellen. Mein Kopf qualmte und schmerzte vor lauter Muskies und Träumen! Einige wichtige Punkte hatten sich herauskristallisiert. Mein Wahlziel war der berüchtigte St. Lawrence River. Vom Lake Ontario fließt der Strom über 1000 Kilometer weit und fast überall gibt es Muskies. Eine phantastische Vorstellung! Die Geschichten, die sich um diesen Fluss und seine Monsterfische ranken, sind extrem zahlreich und aus meinen Recherchen konnte ich erwarten, dass das Potential an tollen Fischen wirklich gut sein musste.

Nach der Gewässerauswahl galt es, einen guten Guide zu finden. Ich war nicht wild darauf, von einem Fremden zum Riesenfisch geführt zu werden. Gern hätte ich meine Spürnase selbst eingesetzt, aber alles war zu fremd und meine Zeit zu kostbar, so dass jede Information Gold wert war. Außerdem fliegt man schlecht mit seinem Boot nach Kanada…

Nach einigen Telefonaten hatte ich das Gefühl, einen wirklich guten Mann gefunden zu haben. Er hatte ein schnelles Boot um viel Wasser abzusuchen, eine tolle Unterkunft und besonders wichtig: Er war bereit, von früh bis spät mit mir angeln zu gehen! Ich durfte Gewässerkarten studieren und selbst bestimmen, wohin die (Angel-)Reise gehen sollte! Alles war Klasse – nur die Flüge fehlten noch, bevor es losgehen sollte.

Einer der ersten MuskysMeine erste Reise startete im August 2007. Mein Flug führte mich nach Montreal und das Ziel stand fest: EINEN Muskie – egal wie groß! In den unzähligen Artikeln konnte ich immer wieder lesen, wie schwierig es ist, überhaupt einen solchen Fisch an den Haken zu bekommen! Nicht umsonst nennt man sie auch den Fisch der 10.000 Würfe! Der erste Tipp meines Guides war, dass Sommerfische sehr schnelle und flach geführte Beute bevorzugen. „Friss mich, oder ich bin weg!“ war wohl die Devise, die den Muskies da unten vorgespielt werden sollte. Erst Biss, dann fragen war der Plan. Aller Anfang ist schwer und der erste Tag verlief gleich mal Schneider schwarz – ohne Fisch. Eine durchziehende Kaltfront hatte den Fischen wohl mächtig auf den Appetit geschlagen. Die Prognosen für den 2. Tag waren aber schon deutlich besser und große Inline-Bucktails sollten mich mit meinem ersten Muskie meiner Karriere belohnen. Es war zwar nur ein ca. 80 cm Fisch, aber ich war der glücklichste Angler überhaupt. Der Biss war genial im glasklaren Wasser. Die Attacke war so heftig, wie man sie erwartet und das grimmig böse Schütteln an der Oberfläche war beeindruckend. Eigentlich war mein Minimalziel schon erfüllt und ich wäre schon zufrieden gewesen, wäre das alles gewesen… Es sollte aber viel, viel besser werden! Schon an diesem 2. Tag folgten gleich mehrere weitere Muskie bis 95 cm für einen Kurzaufenthalt ins Boot und ich war überglücklich. Die Kampfkraft war phantastisch im warmen, klaren Wasser. Um aber keine falschen Vorstellungen aufkommen zu lassen: Muskies zu fangen ist sehr, sehr harte Arbeit. Die großblättrigen Spinner mussten mit sehr hohem Speed durchs Wasser gepflügt werden und es kam der Moment, wo ich daran dachte, ich lasse die Rute besser fallen, wenn der nächste Biss kommt…

Eines Tages hatte ich wild und energisch probiert und in dem heißen, windstillen Wetter hatte mein Guide ein Einsehen mit mir: „Schone mal Deine Arme – wir schleppen mal eine Runde!“ Wir schleppten große, zweiteilige Wobbler. Direkt im Schraubenwasser am Boot mit 12 kph Geschwindigkeit. Mein Vertrauen in diese Methode mit dieser Geschwindigkeit war auf dem Nullpunkt. So bescheuert konnte kein Fisch sein, einen solchen Speedköder direkt am Boot zu attackieren…

Dem Guide vertraut...Manchmal muss man seinem Guide aber einfach vertrauen und an das glauben, was er tut. Schon nach kurzer Fahrtstrecke explodierte die Ratsche meiner Multirolle, als ein großer Muskie den Köder direkt am Boot attackierte. Automatisch fasste ich die Rute und schlug an. Sofort hing ich fest an einem Fisch tief im Wasser und musste weitere Schnur von der Rolle reißen, deren Bremse ziemlich stark eingestellt war. Nach einer Weile wurde der Fisch müder und kam näher zur Oberfläche. Ich hatte ihn perfekt im Blickfeld, als er wütend und mit aller Kraft die Oberfläche durchbrach. Ein tolles Bild, wie ich es mir immer vorgestellt hatte und dieser Fisch sah schon einmal richtig ordentlich aus. An Bord gemessen stellten wir eine Länge von 1,28 m fest! Das war mehr, als ich mir in meinen kühnsten Träumen zu träumen gewagt hatte und mein Grinsen wurde genauso breit wie das tolle Boot, in dem ich saß. Nach einigen Fotos durfte die Mama wieder ins Wasser und ließ sich langsam in die Tiefe sinken. Dieser Urlaub war schon viel, viel besser als jemals erwartet und immer noch blieb etwas Zeit, weiter hart zu probieren und mehr zu erleben…

Der letzte Angeltag war gekommen und ich hatte beschlossen, den ganzen Tag wie wild zu werfen – egal, wie sehr die Arme brannten! Ich stellte mir vor, wie genial es sein musste, einen so großen Muskie an der Wurfrute zu überlisten. Wie viele Spinnangler bewerte ich „Wurfhechte“ deutlich höher als „einfach geschleppte“ Fische.

Mein Guide hatte uns ein Gebiet ausgesucht, in dem Flachwasser mit Krautkante an tieferes Wasser angrenzte und diese Kante war 2 Kilometer lang. An dieser Kante sollte alles probiert werden, was die Köderkiste hergab. Es war einige Stunden ziemlich ruhig, als ich anfing zu spinnen. Irgendwie bildete ich mir Bewegung hinter meinem Köder ein. Als der Köder sich dem Boot näherte, erkannte ich tatsächlich einen Fisch, der den Köder immer wieder mit der Nase berührte und dieser Fisch war riesig! Natürlich fehlte mir die Erfahrung, die Größe einzuschätzen, aber es sah wahnsinnig aus und mein Herz raste. Sicher war dieser Muskie größer als der erschleppte Fisch zuvor. Der Fisch verschwand wieder im Nichts, bevor er sehr nah ans Boot kam. Die Köderkiste wurde durchprobiert, aber nichts rührte sich mehr. Wir beschlossen, erst einmal weiter zu fahren und später vielleicht zurück zu kommen.

Nur 300 Meter weiter entfernt gab´s einen ordentlichen Biss auf einen Bucktail und ein 90er Fisch landete nach heftiger Gegenwehr im Kescher… Ich erklärte meinem Guide, dass ich mit der Quote an gefangenen Fischen deutlich mehr als zufrieden war und meine verbleibende Zeit lieber in den gesehen Großfisch investieren wollte. Prompt drehten wir um und bewegten uns langsam wieder zurück an den Platz, wo sich die Uroma kurz gezeigt hatte. Mein Köder war im Wasser und im Traum stellte ich mir vor, wie ein Großfisch dem Köder folgte. Real war aber leider gar nichts zu sehen. Wie im Film machte eine „figure 8“ (der Köder wird hierbei wie in einer Acht in 2 Kreisen geführt). Am Ende dieser Acht zog ich den Köder noch einmal 90 Grad zur Seite und hoffte, dieses Manöver würde einen Biss vom ungesehenen Monster provozieren. Der Bucktail kam gerade ans Boot und ich stellte mir vor, wohin ich den Köder bewegen würde, wenn jetzt das Monster kommen sollte. Ich starrte auf das Wasser, als „Sie“ wirklich kam und meinen Köder vollständig inhalierte! Ein Anhieb war unnötig, denn der Schlag in die Rute mit brutaler Flucht waren genug, um die Haken gut zu setzen… Was dann folgte, war das Beste, was ich jemals als Hechtdrill erleben durfte. Dieser Fisch wollte weg von mir und vom Haken und kam gleich mehrere Male ganz und gar aus dem Wasser geflogen. Der riesige Kopf mit abgespreizten Kiemendeckeln, wild schlagend an der Oberfläche ließ mein Herz schlagen wie noch nie. So fürchterlich wie dieser Drill ablief, diesen Fisch wollte ich so schnell wie möglich sicher in meinem Kescher haben! Ich stand kurz vor einem Kollaps, als die Muskie-Oma müder wurde und sich endlich langsam über den Kescher führen ließ. Mein Guide sagte etwas, was man nicht wiederholen kann und ich war sicher, etwas im Kescher zu haben, was auch für so erfahrene Leute wie er nicht alltäglich war.

Der Superfisch - 1,45 Meter lang!Die alte Dame durfte erst einmal im Kescher ausruhen, bis wir die Kamera startklar hatten. Was ich dann dort heraushob, nahm gar kein Ende! Das Messen brachte Gewissheit: über 57 inch, was 1,45 Meter bedeutete. Ich konnte es kaum glauben – ich war im Schockzustand! Noch einige Release-Fotos und mit einem schönen Schwall verabschiedete sich die alte Dame wieder in ihr Element. Ich musste erst mal sitzen und mich sammeln. Das war mehr als viele eingefleischte Muskie-Angler erträumten und ich hatte das Schweineglück, einen solchen Traumfisch auf meinem ersten Muskie-Trip überhaupt zu fangen!

Schließlich saß ich wieder 7,5 Stunden im Flieger zurück und die letzten Tage träumte ich noch einmal. Dieses Muskie-Erlebnis durfte nicht das letzte sein – ich komme wieder , ganz bestimmt. Wie schon gesagt, man lebt nur einmal. Wenn Ihr irgendwann irgendwie einmal die Chance seht, diesen größten aller Hechte nachzustellen, tut es!